Ist die Sühnung ethisch nachvollziehbar?

Original: Does the Atonement make ethical sense? vom 22.10.2013

…und damit verurteilte der Richter den Mörder zum Tode auf dem elektischen Stuhl. Aber gerade in diesem Moment tauchte der einzige Sohn des Richters auf. „Bitte bestrafe mich an seiner Stelle! Dann muss er nicht sterben.“ Wegen seinem Mitleid mit dem Mörder stimmte der Richter zu. Der Sohn des Richters wurde hingerichtet und der Verbrecher wurde frei gelassen. Während Tränen über seine Wangen liefen gelobte der Mörder von diesem Tage an ein neuer Mensch zu sein…

Dieses Gleichnis taucht nirgendwo in der Bibel auf, aber ich bin ziemlich sicher schon ein oder zwei Mal eine Variante davon als Analogie für Jesu Opfer am Kreuz in einer Predigt gehört zu haben. Das Problem ist: Die Geschichte ist moralisch gesehen ungeheuerlich. Wie könnte es jemals gerecht sein eine unschuldige Person an Stelle einer schuldigen zu bestrafen? In der Geschichte meldet sich der Sohn freiwillig zu sterben; der Richter bestimmt nicht einfach die Hinrichtung einer zufälligen Person. Aber wie soll denn die Stafe für die Schuld von einer Person zu einer anderen „übertragen“ werden? Der Richter verletzt hier seine grundlegende Verantwortung richtig zu richten:

Wer den Gottlosen gerechtspricht und wer den Gerechten verurteilt, die sind beide dem Herrn ein Greuel. (Sprüche 17,15)

Zugegeben, die Geschichte mit der ich angefangen habe war als Veranschaulichung und nicht als Tatsachenbeschreibung gedacht. Es gibt viele verschiedene Metaphern für die Sühnung in der Bibel und die meisten haben nichts mit dem Rechtssystem zu tun. Die Bibel redet davon Sklaven frei zu kaufen, Krankheiten zu heilen, neues Leben zu schenken, als Sohn adoptiert werden und so weiter. Aber die Metapher des Kriminellen vor Gericht ist eine der häufigsten Analogien im westlichen Christentum, also bleiben wir einen Moment dabei.

Metaphern müssen nicht in jeder Hinsicht die Realität widerspiegeln. Es ist sogar möglich richtiges Verhalten mit dem unmoralischen Handeln einer Person in einer fiktiven Geschichte zu erklären. (Zum Beispiel in Jesu Gleichnis vom untreuen Haushalter ist der trickreiche Weg die Schuldner des Meisters durch Schwindel zu bereichern um später gute Behandlung zu bekommen eine Analogie dafür wie Christen ihre „weltlichen“ Besitztümer an die Armen weiter geben sollen um etwas wertvolleres dafür zu bekommen. Das eine ist Sünde, das andere nicht, aber Jesus will darauf hinaus, dass beides in gleicher Weise schlau war.)

Aber in der (nicht-biblischen) Geschichte vom Sohn des Richters ist die Moral so abweichend dass sie scheinbar jegliche Bedeutung die man aus der Geschichte ableiten will verdächtig macht. Die Beweggründe der Figuren machen keinen Sinn, weder von einer altruistischen noch einer egoistischen Perspektive her gesehen. Deshalb ist nicht klar wie wir reagieren sollten, abgesehen vom Entsetzen über diese Perversion des Rechts.

Aber jetzt lass uns die Situation etwas ändern. Wir ersetzen den Strafrechtsfall mit einem Zivilrechtsfall und das Todesurteil mit einer Geldstrafe:

Ein Mann schlägt das Fenster seines Nachbarn ein. Der Nachbar verklagt ihn und der Richter weist den Mann an 200€ zur Reparatur des Fensters zu bezahlen. Der Mann kann jedoch aufgrund seiner Armut nicht bezahlen. Also willigt sein Freund freundlicherweise ein das Bußgeld stattdessen zu bezahlen. Der Freund bezahlt dem Nachbarn die 200€ und der Fensterbrecher geht straffrei aus.

Auf ein Mal scheinen die meisten moralischen Probleme zu verschwinden. Die wenigsten hätten Einwände dagegen, dass der Richter das erlaubt. In manchen Fällen haben wir vielleicht das Gefühl, dass es ein bisschen unfair ist, dass der Täter ungestraft davon kommt, weil jemand anderes das Bußgeld bezahlt hat. Aber in diesem Fall konnte der Fensterbrecher gar nicht bezahlen. Unter diesen Umständen scheint diese Lösung des Falls angemessen. Wo liegt also der Unterschied?

Einen Teil davon macht sicherlich aus, dass wir gewohnt sind Geld als ersetzbarer als das Leben anzusehen. Die Idee Geldschulden zu übertragen ist mit unserem kulturellen Logikverständnis im Einklang, mit einem unschuldigen Leben für ein schuldiges zu bezahlen jedoch nicht (und das ist richtig so)!

Ich denke die wichtigere Frage ist, was die Bestrafung erreichen soll. Im Fall des Geldstrafe ist das Hauptproblem, dass das Fenster kaputt ist! Die Tatsache, dass der Fensterbrecher daran schuld ist, ist zweitrangig. Davon ausgehend dass man für ein neues Fenster bezahlen muss ist es naheliegend diese Verpflichtung demjenigen zuzuweisen der — egal ob ausversehen oder in einem Wutausbruch — das erste Fenster kaputt gemacht hat. Aber wenn jemand anderes gewillt ist das Fenster zu reparieren dann löst das das Problem: (1) Der Nachbar bekommt den Schaden an seinem Gebäude ersetzt, also hat er kein Reicht zu widersprechen, (2) Der Freund darf mit seinem Geld machen was er will und (3) der Fensterbrecher ist fähig sein Bußgeld zu zahlen. Alle Probleme gelöst!

Im Fall eines Mörders der jemanden aus dem Fenster stürzt und dessen Schädel anstelle des Fensters zerbricht sieht es anders aus. Das Hauptproblem ist nicht das Gleiche.

Man ist versucht zu sagen, dass das Hauptproblem in diesem Strafrechtsfall ist, dass das Opfer tot ist. Aber das stimmt nicht! Der Tod des Opfers ist der tragischste Teil der Situation, aber das Strafgericht ist nicht dafür da um diesen Tod wieder gut zu machen! Die Mörder mit dem Tod zu bestrafen bringt uns die Opfer nicht wieder zurück. Als ich zum letzten Mal geprüft habe konnte das noch nicht einmal eine Verurteilung auf Lebenslänglich-ohne-Möglichkeit-auf-Bewährung. Nein, in einem Strafrechtsfall ist die Bestrafung des Täters das einzige Ziel des Prozesses (auch wenn die Bestrafung wiederum unterschiedlichen Zwecken dienen kann).

Eine andere Art und Weise das zu betrachten bietet die Situation in der das Opfer ausversehen stirbt. In diesem Fall ist die Sachlage hinsichtlich des Todes des Opfers genau gleich. Dass das Opfer ermordet wurde ist der entscheidende Unterschied. Der Unterschied um welchen Fall es sich handelt liegt nicht beim Opfer, sondern im Geist und Herz des Mörders. Der Mörder tötet den Körper des Opfers, aber Gewalt tut er seiner eigenen Seele an. Wenn man jemanden ermordet ist man im nächsten Moment zu einem Mensch geworden der jemanden umbringen würde.

Das ist also der Makel den die strafrechtliche Bestrafung in Ordnung bringen soll. So wie es Sokrates im Gorgias sagt, ist Bosheit in der Seele zu haben das Schlimmste das einem passieren kann, und den Schuldigen die bestraft werden nützt es, weil die Bestrafung eine Medizin für ihre Bosheit ist.

So ist es klar, warum es einem Unschuldigen unmöglich ist, rechtmäßig die Bestrafung eines Mörders auf sich zu nehmen. Denn es würde das Problem in der Tat nicht beseitigen. In dem Mordfall ist der Mörder das kaputte Fenster. Die schuldige Partei durch das Rechtssystem bestrafen zu lassen ist unser (normalerweise sehr mangelhafter) Versuch das Fenster zu reparieren: Die Risse mit Klebeband zukleben, oder zumindest die Glasscherben aufzukehren indem wir ihnen die Kraft nehmen noch jemanden anderes zu verletzen. Eine unschuldige Person zu bestrafen hilft überhaupt nichts. Es sei denn...

Es sei denn die Dinge verhielten sich so, dass der Tod eines Unschuldigen tatsächlich das zerbrochene Fenster reparieren würde — oder um die Analogie beiseite zu lassen, was wäre, wenn Jesu Tod tatsächlich dafür sorgen würde, dass die Seele des Mörders von dem Makel gereinigt und geläutert wird? Angenommen, durch das Annehmen von Jesu Tod, wird die Seele des Mörders hingerichtet (Römer 6,6-11) und dann wiederhergestellt, sodass die Person die einst das Opfer gehasst hat jetzt voll Liebe und Mitgefühl ist. In diesem Fall würde das Recht wieder hergestellt werden (aber auf eine für das Rechstsystem und vielleicht sogar die Gesellschaft unsichtbare Weise). Der Mörder würde gleichzeitig von ein und der selben Handlung Gottes bestraft und vergeben bekommen.

Wie soll das möglich sein? Nun, ich vermute es hat etwas mit der Göttlichkeit Jesu zu tun; sodass, als Gott eine menschliche Form annahm, seine Beziehung zu jedem Menschen der je gelebt hat beeinflusst wurde. Ich denke es hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun, der in dem neuronalen Netzwerk unseres Gehirns herumhantiert, nachdem wir ihm die Erlaubnis dazu gegeben haben. Ich denke es hat etwas mit dem allmächtigen Vater zu tun, der seine Vergebung durch ein greifbares, beobachtbares Ereignis, das in unserer Raumzeit stattfindet ausdrücken will.

Aber jetzt stellen wir eine andere Frage: Macht die Sühnung metaphysisch Sinn? Das soll heißen, ist sie etwas, das in der wirklichen Welt, ausgehend von dem grundlegendsten Aufbau dieser Welt (wie auch immer der ist), passieren würde? Die ursprüngliche Frage war, ob die Sühnung moralisch Sinn macht. Das soll heißen, angenommen es wäre möglich, wäre es dann wünschenswert?

Angenommen sie ist möglich, scheint es klar, dass es ein sehr großer Vorteil wäre jedem Menschen auf der Welt, egal wie bösartig, die Möglichkeit von moralischer Erlösung zu bieten. Man mag immer noch fragen (falls man gewillt ist den Schöpfer im Nachhinein anzuzweifeln) ob wir wirklich eine so verzweifelte Lösung brauchen, und warum Gott die Vergebung nicht in einer weniger blutigen Weise umgesetzt hat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie funktioniert.

Am Kreuz sehen wir Gottes Verbundenheit mit den Menschen. Er leidet mit den Unschuldigen und für die Schuldigen (und wir sind alle zu mancher Zeit beides gewesen). Das Kreuz zeigt die Tiefe der menschlichen Verdorbenheit auf und macht deutlich, dass das Hauptopfer unserer Sünde schon immer Gott war. Aber es ist auch ein Triumph von Gottes Gnade, weil es uns zeigt, dass, egal welche Leiden wir uns und anderen antun, Gott da ist um den Schmerz zu ertragen, die Rache zu verweigern und fortwährend Vergebung anzubieten. Ich kann mir keine anschaulichere Art vorstellen um das zu zeigen als die auf die er es getan hat.